Gentests für alle?
| 14. Juni 2011 | Posted by admin under Allgemeines |
Man stelle sich folgende Szene vor: In einem Land wird jeder Mensch, wenn er geboren wird, einem Gentest unterzogen, um festzustellen, ob in ihm vielleicht eine erblich bedingte Krankheit schlummert. Wenn das der Fall ist, dann kann der Staat genau erkennen, welche Menschen in der Zukunft vielleicht, welche Hilfe, in, welcher Form in Anspruch nehmen können oder müssen. In der Folge wird es dem Staat deutlich einfacher gemacht, zum Beispiel zu planen, wie viele Behindertenheime gebaut werden müssen, oder auf welchem Gebiet die Medizin besonders fleißig forschen muss. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes würde, wenn man den Gedanken weiterdenkt, irgendwann in der Zukunft ein perfekt organisiertes Staatswesen hervorbringen. Was wie ein Kapitel aus einem Science Fiction Roman klingt, ist für drei Staaten auf dieser Erde schon greifbar nahe.
Island, Estland und auch die kleine Südseeinsel Tonga haben bereits konkrete Pläne, bei allen ihren Einwohnern Gentests machen zu lassen. Für viele ist das der richtige Schritt, hin zu einer modernen Gesellschaft und spricht für die Fürsorgepflicht des Staates gegenüber seinen Bürgern. Für andere ist es ein Schritt in einen totalitären Staat, der an das erinnert, was George Orwell in seinen Roman „1984“ beschrieben hat. „Big Brother ist watching you“ – dieser Satz aus „1984“ bekommt im Zusammenhang mit den geplanten, flächendeckenden Gentests für alle Bürger in Island, Estland und Tonga wieder eine neue Dimension. Die Aussicht darauf, dass der Staat über jeden seiner Bürger genau Bescheid weiß, macht vielen Menschen Angst, vielleicht sogar zu Recht. Was geschieht mit den Daten, die dort ermittelt werden? Wenn Gentests zur Pflicht werden, dann kann derjenige, der weiß, was in den Untersuchungsergebnissen steht, nach Lust und Laune selektieren und nach Bedarf Menschen zu Außenseitern der Gesellschaft machen oder auch nicht. Was strebt ein Staat an, der Massengentests seiner Bevölkerung erwägt? Eine perfekte Gesellschaft? Die Unsterblichkeit der Bewohner oder einfach nur ein sehr riskantes Experiment, von dem keiner weiß, wie es in der Praxis aussieht?
Der Staat und seine Politiker haben eine Fürsorgepflicht gegenüber den Bewohnern ihres Landes. Wenn man aber an Gentests in diesem Maße denkt, dann ist der Gedanke erlaubt, ob der Staat seine Fürsorgepflicht nicht doch zu genau nimmt und eventuell ganz andere Interessen verfolgt.